Texte des Literaturkurses

Haarbürste (von Julia)

„Ich werde jetzt einfach kein Blatt mehr vor den Mund nehmen: Ich habe es so satt, ständig vergessen zu werden. Und das Schlimmste ist, dass mich dieses freche Mädchen einfach überall liegen lässt. Und dabei braucht sie mich doch eigentlich! Ich bin regelrecht empört!“

„Was ist denn nun schon wieder los?“, fragte der Spiegel.Die Kommode antwortete: „Ach, die Haarbürste hat mal wieder einen schlechten Tag.“ „So eine Frechheit ist das“, klagte die Bürste weiter, „einfach unfassbar.“ „Jetzt beruhige dich erst einmal und erzähl’ uns, was passiert ist“, schlug der Spiegel vor.„Ich wurde schon wieder links liegen gelassen. Sie hat mich einfach auf ihrem Schreibtisch gelassen anstatt mich in ihren Schulranzen zu packen.“ „Gib’s zu, Haarbürste, du bist schon sehr alt. Du hast sogar schon ein paar Borsten verloren. Außerdem solltest du dringend mal wieder gewaschen werden. Du bist ganz schön dreckig, ganz zu schweigen vom Staub, der sich auf dir angesammelt hat.“

„Pah, ist doch nicht meine Schuld. Wenn dieses Mädchen sich nicht angewöhnt hätte, jeden Morgen Haarspray zu benutzen und sich danach erst die Haare zu kämmen, wäre ich vollkommen sauber. Von diesem blöden Staub, der sich deswegen ansammelt, bekomme ich schon regelrechte Niesanfälle.“ Der Spiegel krümmte sich leicht vor Lachen. Auch die Schubladen der Kommode begannen zu quietschen.„Lacht ihr mich etwa gerade aus?!“Der Spiegel erstarrte und die Kommode war mucksmäuschenstill.

Die Haarbürste fuhr fort: „Erst neulich habe ich gesehen, dass sie ihren kleinen Koffer wieder gepackt hat. Wahrscheinlich hat sie ein weiteres Mal bei ihrer Freundin übernachtet – und mich natürlich hier gelassen. Und das, obwohl ich mich nie beklagt habe, wenn sie mich in der Sportumkleide benutzt hat, nachdem sie unglaublich viel geschwitzt hat und ich den ganzen Gestank abbekommen habe. Nein, ich habe mich nicht ein einziges Mal beklagt. Und das ist der Dank dafür?“„Wann hast du sie denn dabei beobachtet, dass sie ihre Sachen gepackt hat? Ich dachte, du hättest die ganze letzte Woche unter dem Kinderbett gelegen?“ „Also schön, ich habe es nicht gesehen – die Teekanne hat es mir erzählt, als das Mädchen mich in der Küche vergessen hatte, aber was spielt das schon für eine Rolle? Diese Ungerechtigkeit ist nicht auszuhalten. Ich muss alles mitmachen und ertragen. Könnt ihr euch überhaupt vorstellen, wie furchtbar es ist, wenn sie ihre seit fünf Tagen ungewaschenen Haare bürstet? Am schlimmsten war es aber, als sie Läuse hatte. Diese kleinen boshaften Tierchen haben sich an meinen Borsten festgeklammert und mich durchgehend gekitzelt und genervt. Nicht einmal nachts hatte ich meinen Frieden. Und dann soll ich einfach dabei zusehen, wie sie vorsichtig, ja beinahe zärtlich, den Lockenstab aus dem Schrank herauskramt und gefühlte drei Stunden damit zubringt, sich Locken zu machen? Ohne eine gescheite Bürste wie mich könnte sie ihr Haar vor lauter Knoten gar nicht locken! Beinahe ihr ganzes Leben lang war ich ständig an ihrer Seite. Und jetzt scheint sie mich plötzlich vergessen zu haben ... Ich glaube, ich kündige. Jawohl, ich kündige noch heute!“

Der Spiegel sah die Kommode an und die Kommode sah zum Spiegel. Beide dachten dasselbe: „Wir müssen die Haarbürste so schnell wie möglich loswerden. Sie ist heute wieder einmal ein unerträglicher Miesepeter.“ Diese schimpfte währenddessen immer weiter: „Bodenlose Frechheit, das bringt das Fass wirklich zum ...“ Ein schriller Schrei hallte durch das Zimmer, als der Miesepeter die Spinne über sich entdeckte, die sich gerade abseilte. Ohne lange zu überlegen sprang die Bürste vom Schreibtisch hinunter in den Korb mit der schmutzigen Wäsche, um dem ekligen Achtbeiner zu entkommen.Der Spiegel verbog sich bedenklich vor Lachen und die Kommode lachte aus so vollem Herzen, dass ihre oberste Schublade mit einem lauten Krachen herausfiel.Schritte näherten sich und das Mädchen kam herein.„Nicht schon wieder!“, sagte diese genervt und beförderte die Schublade - und das nicht zum ersten Mal - mit einiger Mühe wieder an ihren richtigen Platz.

„Hannah“, rief der Vater des Mädchens, „kommst du? Deine Freundin wartet bereits.“ „Ja, Papa. Ich komme, ich hole nur noch meine Bürste.“ Suchend schaute sie sich um. Hatte sie ihre Haarbürste nicht auf dem Schreibtisch abgelegt? Die Augen des Miesepeters wurden riesengroß. „Hat das Mädchen gerade gesagt, dass sie mich mitnehmen will?“ Mit großer Mühe bahnte er sich einen Weg durch die Schmutzwäsche an den Rand des Korbs.

„Hier bin ich.“

Endlich fiel der Blick des Mädchens auf den Korb und sie seufzte erleichtert auf. Nichts strahlte mehr in diesem Zimmer als das Gesicht der Haarbürste, als diese hochgehoben und aus dem Zimmer getragen wurde.„Macht’s gut, Freunde.“ Ihr Lächeln verriet, dass die Bürste das Mädchen doch lieber hatte, als sie davor zugeben mochte und sie war gerne bereit, all die Unannehmlichkeiten hinzunehmen, solange sie nur der tägliche Lebensbegleiter sein durfte. Die Kommode und der Spiegel konnten endlich wieder aufatmen, auch wenn die Kommode sich sehr zusammenreißen musste, um nicht noch einmal eine Schublade zu verlieren. Aber wenigstens konnten sie in aller Ruhe den restlichen Tag genießen, ganz ohne das Gejammere der Bürste.