Texte des Literaturkurses

Das Lenkrad (von Piya)

Es ist Montagnachmittag im Autohaus Fink, und ich habe, wie eigentlich jeden Tag, vor mich hingedöst. Doch dann werde ich von einem lauten Knall geweckt, als jemand die Autotür aufreißt und kalte Luft zu mir ins Auto strömt. Ich warte also nur darauf, dass diese schwitzigen Hände kommen und mich berühren.

Berühren ist wohl ein wenig untertrieben, sie krallen sich förmlich an mir fest. Es gibt verschiedene Arten von Händen, manche sind klein und sanft und andere groß und grob. Gegen ihren Zugriff wehren kann ich mich jedoch nicht wirklich, sie packen mich und drehen mich entweder nach links oder rechts, bis mir schwindelig wird. Und wenn sie sehen, dass andere auf der Straße einen Fehler machen, lassen sie ihre ganze Wut an mir aus. Sie schlagen einfach auf mich ein und ärgern mich dann auch noch, wenn ich nicht laut vor mir her schreie. Solche Sprüche muss ich mir anhören: „Dieses blödes Lenkrad! Die Hupe funktioniert schon wieder nicht!“ Warum nur werde ich so behandelt, eigentlich habe ich doch gar nichts falsch gemacht? Natürlich lasse ich mir auch nicht alles gefallen, und oft stelle ich mich stur und halte dagegen. An all diese verschiedenen Hände werde ich mich wohl nie gewöhnen, denn spätestens nach einer Stunde verlassen sie mein Heim und kommen nie wieder. Ich höre dann immer so etwas wie: „Das Modell ist ja ganz schön, aber leider lässt es sich nicht so gut steuern, besonders in den Kurven nicht.“ Ich bin also bloß gut genug für eine kleine Spritztour? Ob wohl eines Tages die richtigen Hände kommen werden?

Auto

Ich wollte weg. Einfach nur weg. Frei sein und dem alltäglichen Stress entfliehen. Endlich frei sein. Vor meinen Sorgen weglaufen. Fern von all dem, was mich festhält. Aus dem Gefängnis des Leidens ausbrechen.

Ich wollte alles Wichtige einpacken und davon fahren. Dort hinfahren, wo die Sonne am Meereshorizont aufgeht. Doch ich merkte: Ich habe nichts Wichtiges. Ich trage bereits alle Notwendigkeiten an mir: mich selbst, etwas Geld und die Autoschlüssel meines Autos. Und jetzt?

Jetzt sitze ich hier. Alleine in meiner A-Klasse und fahre. Ich fahre einfach die Straße entlang, gelenkt von meinen Instinkten und ohne richtiges Ziel.

Das Auto war schon immer mein Begleiter. Ich habe es vor fünf Jahren bekommen und es war schon immer der Ort, an dem ich mich verkrochen habe, falls mir mal wieder alles zu viel wurde.

Das Gefühl nachts einfach nur zu fahren, hat mich schon immer beruhigt. So viele Erinnerungen verbinde ich mit meinem Auto. So viele Male hat es mich vor einem emotionalen Zusammenbruch gerettet. Die Fahrt half mir die Last für einen Moment zu vergessen aber jetzt … Jetzt helfen nicht mehr die einfachen Fahrten mit meinem Auto. Die Fahrten, bei denen ich immer wieder zurückkehrte. Ich muss endgültig weg.

Wo geht denn die Sonne am Meereshorizont auf?

Ich spüre wie sich, mit jedem Kilometer, den ich mich von meiner Heimat entferne, die Last auf meinem Rücken schwächer wird. Ein Druck der mich ständig belastete, löst sich.

Ich glaube, ich bin glücklich mit dieser Entscheidung. Vielleicht werde ich es irgendwann bereuen? Aber nein! Ich habe mich entschieden und für mich gibt es kein Zurück.

Es mag egoistisch klingen einfach alles stehen und liegen zu lassen und einfach fort zu gehen, aber ich konnte einfach nicht mehr. Nicht mehr dort bleiben, wo ich seit meiner Geburt gefesselt worden war.

Ich wollte ausbrechen. Ich musste ausbrechen! Ausbrechen um zu leben, um endlich frei zu sein. Ausbrechen, um mich zu finden.

Es ist noch dunkel. Die ersten Sonnenstrahlen werden bald ihren Weg übers Dunkle schaffen. Sie werden alles erleuchten und erwärmen, dass sie berührt.

Und wer weiß; vielleicht werde ich bald ankommen. Vielleicht wird die Sonne am Meer aufgehen.

Vielleicht werde ich die Art von Geborgenheit spüren, die ich brauche. Die Art, die mich erfüllen und festhalten. Festhalten auf einer guten Weise.

Ich will einfach nur frei sein. In der Sonne liegen und ihre Strahlen auf meinem Gesicht spüren. Nicht mehr abends den Mond von meinem Zimmer aus bemitleiden.

Frei von negativen Gedanken sein. Ist das viel verlangt? In meinen utopischen Vorstellungen nicht, jedoch in dieser gebrochenen Welt.

Ist diese Vorstellung realistisch? Ich dränge mich daran zu glauben. Innerlich weiß ich aber, dass eine Flut von Last noch auf mir ruht.

Nach zwei Stunden Fahrt, lenke ich und fahre zurück. Eine Träne ruht auf meiner Wange. Von Trauer oder Erleichterung ist mir nicht bewusst.

antigone aktuell

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