Texte des Literaturkurses

Mäppchen (von Xeni)

Was ist ein Mäppchen? Wieso benutzen wir es? Und was denkt es sich, wenn wir es jeden Tag befummeln? Hast du dir schon einmal die Frage gestellt, ob dein ach so langweiliges Mäppchen auch Gefühle hat oder sich sogar, genauso wie wir, Gedanken macht und von dir genervt sein kann? Vielleicht beklagt es sich ja jeden Morgen und wünscht sich einfach nur in Ruhe gelassen zu werden?

„Acht Uhr morgens und du holst mich aggressiv aus dieser engen, stinkenden Tasche heraus, schmeißt mich genervt auf deinen Tisch - na toll, ich kann mir wieder dein Geschimpfe und deine Fluche anhören, nur weil DU nicht gut geschlafen hast. Wieso muss ich, dein Mäppchen, immer daran leiden?“

Stell dir vor, dass das ein Gedanke deines Mäppchens sein könnte. Das Dilemma ist hier aber noch lange nicht zu Ende. Dieser, in allen Formen, Farben und Größen existierende, individuelle, greifbare Gegenstand, ist immer wieder unser Sündenbock. Seinen Nutzen findet er keine ganze Schulstunde später, wenn der Lehrer wieder ununterbrochen langweiliges Zeug redet und sich der Besitzer den Spaß erlaubt, sein Mäppchen zu verunstalten. „Oh neeeein, neeein er drückt wieder Stifte gegen mich! Kannst du das mal bitte lassen, ich habe auch Schmerzen. Was kann ich dafür, dass DU nicht zuhören willst? Ich jedenfalls, möchte kein Tattoo eingeritzt bekommen! Pass doch lieber einfach mal auf.“ Ganz schön viel, was es ertragen muss und wie sehr es von seinem eigentlichen Nutzen als „Aufbewahrer“ abweicht.

Dir ist bestimmt auch aufgefallen, dass es sich vom Inhalt unterscheidet. Ich glaube, dass du mir zustimmst, wenn ich die Vermutung aufstelle, dass es motivations- und altersabhängig ist, wie viel und was alles darin zu finden ist. Während der eine ein großes, aufklappbares Mäppchen mit allen Farben von Weiß bis Schwarz, von Finelinern bis Textmarkern besitzt, benutzt der andere ein kleines, schlichtes, aber verranztes Schlampermäppchen mit nur einem Kugelschreiber, der bald nachlässt.

Kannst du dir vorstellen, dass genau dieser Unterschied ein Anlass zum nächsten Aufreger im Laufe eines Schultages deines Mäppchens ist? Es ist die dritte Stunde und dein Mäppchen fängt im Klassenzimmer einen Konkurrenzkampf gegen seine „Gegner“ an.

„Ich, ich bin eindeutig das größte und nutzbarste Mäppchen hier im ganzen Klassenraum. Ich besitze über vier Fächer, bin aufklappbar, habe einen goldenen Stift aufbewahrt und hüte in meinem Fach geheime Gegenstände wie einen Labello. Kann mir das irgendwer nachmachen?“

Siehst du nun, dass dein Mäppchen auch Gefühle hat, und kannst du nachvollziehen, wenn ich dir sage, dass es sich ähnlich wie wir Gedanken macht?